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Richtig Sichern bei Gewichtsunterschied


Unterschiedliche Gewichtskonstellationen beim Klettern erfordern Know-How und Erfahrung.  Mal wiegt Dein Kletterpartner oder Deine Kletterpartnerin mehr als Du, mal weniger. Nur die Verantwortung wiegt immer gleich. Welches Wissen brauchst Du, um Deiner Verantwortung gerecht zu werden? Und vor allem: Wie kannst Du Erfahrung sammeln? Wir wollen mit diesem Beitrag Licht ins Dunkel bringen. Damit Du Deinen Partner immer sicher und weich ins Seil fallen lassen kannst!

Praxisrelevanz

Was ist überhaupt für unser Sicherungsverhalten relevant? Die Kraft, mit der wir bei einem Sturz ins Seil nach oben gezogen werden. Klingt zunächst ganz banal und einfach. Ist aber bei genauer Betrachtung richtig komplex. Denn die Kraft ist quasi bei JEDEM STURZ unterschiedlich. Je nach Gewicht des Partners, Abstand zur letzten Zwischensicherung, und und und... 

Wir können hier Einblicke geben und ein allgemeines Verständnis schaffen. In der Praxis gilt es, das allgemeine Verständnis in viele konkrete Situationen passend zu übertragen, um immer genau das richtige zu tun.

 

Als Voraussetzung wollen wir ein Sicherungsgerät mit Bremskraftunterstützung (Autotube, Grigri...) annehmen, das bei richtiger Handhabung das Seil ohne Durchlauf blockiert. 

 

Und natürlich wollen wir unseren Kletterpartner so weich wie möglich und so hart wie nötig in Bodennähe sichern.

Energetische Verhältnisse

Die Physik hinter einem Sturz ins Seil ist kompliziert, da viele Faktoren eine Rolle spielen. Und dieses elastische Ding! Das verhält sich so komplex! Wir wollen nun die Sache auf die Kraft reduzieren, die auf die sichernde Person im Falle eines Falles einwirkt. Wir betrachten das Sportklettern in der Halle mit wenig Seilreibung im System und geringem Sturzfaktor bis max 0,4.

 

Die Zugkraft nach oben, die Du als sichernde Person abbekommst, hängt bei unseren Annahmen von zwei Dingen ab. Fallhöhe und Gewichtsunterschied. Den Gewichtsunterschied und die Fallhöhe kann man beides, in jeder Sturzsituation aktiv im Kopf abrufen.

Reibung und Seildehnung haben lediglich in Grenzsituationen (beim Sportklettern in der Halle) einen relevanteren Einfluss. 

 

Merke:

Eine größere Fallhöhe und größerer Gewichtsunterschied erhöhen die Kraft auf Deinen sichernden Körper.

Erfahrung bestimmt das Verhältnis

Zunächst stellt sich natürlich die Frage: Wie viel Gewichtsunterschied ist überhaupt "erlaubt". Überraschung: Auch hier gibt es keine pauschale Antwort. Je weniger Erfahrung Du beim Sichern mitbringst, desto weniger groß sollte der Gewichtsunterschied zwischen Dir und Deinem Partner sein. Für Anfänger gilt die Faustregel  1 : 1,1. Bist Du schon etwas Fortgeschrittener, kann das Verhältnis auch 1 : 1,3 betragen. Experten, die schon sehr viel Erfahrung mitbringen und sich als Seilschaft gut kennen, können vielleicht auch mit einem Verhältnis von 1 : 1,5 umgehen. Mit ihrer Erfahrung sind sie sich jedoch immer bewusst, dass vor allem in Bodennähe jedes unnötige Risiko vermieden werden sollte, um einen Bodensturz ausszuschließen.

 

Wenn Du Dir unsicher bist oder noch nicht so viel Erfahrung mitbringst, solltest Du lieber auf ein Hilfsmittel (z.B. Vorschaltwiederstand, Ohm) zurückgreifen.

Übrigens: Oft verfallen wir dem Trugschluss, dass es ja total sicher ist, wenn eine schwere Person eine leichte sichert. Doch das stimmt nicht ganz: Als schwerere Person ist es deutlich schwieriger, einen leichteren Partner dynamisch zu sichern. Je undynamischer der Sturz gesichert wird, desto härter ist der Aufprall und damit das Verletzungsrisiko.

Verhaltenskodex

Unabhängig von Konstellation und Situation, gibt es ein paar Grundregeln, die Vertrauen in Seilschaften schaffen und Wahrscheinlichkeiten von Unfällen reduzieren.

 

1. Partnecheck und Kommunikation durch vereinbarte Kommandos hält die Verbindung aufrecht.

 

2. Aufmerksamkeit mit Sichtkontakt nach oben schafft Vertrauen und ermöglicht eine bessere Einschätzung jeder Situation.

 

3. Beim Sportklettern in der Halle, also mit wenig Reibung, erhöht Schlappseil die Fallenergie und macht das weiche Sichern bei leichten Kletter*innen zu einer noch größeren Herausforderung. Bei schweren Kletter*innen kann es auch in großen Höhen zu Kollisionen oder Groundern führen.

 Deshalb: Bewegungsseil. 5-15cm Seil im System.

 

4. Ausclippen der 1. Zwischensicherung erst nach dem Einclippen der 2. Zwischensicherung. Oder buntes Vorclippen der 1. und 2. Zwischensicherung, danach Ausclippen der 1.  ... Ist doch klar oder? ;) Warum? Der leichtere Sicherer könnte beim Sturz bis zur 1. Zwischensicherung hochgezogen werden. Dabei kann der Blockiermechanismus des Sicherungsgerätes außer Kraft gesetzt werden.

 

5. Der Abstand zur Wand sollte nicht mehr als einen Meter betragen. Bist du leichter als Dein*e Partner*in wirst du sonst bei großer Krafteinwirkung an die Wand gezogen. Das ist einerseits quasi gleichzusetzen mit Schlappseil, gleichzeitig besteht die Gefahr, die Kontrolle über das Sicherungssystem zu verlieren.

Verhaltensmatrix

Die Verhaltensmatrix soll Dir eine Stütze sein! Sie beschreibt 3 Gewichtsverhältnisse in jeweils 3 Situationen. 9 Verhaltensstrategien also. Die Verhaltensweisen sind Erfahrungswerte aus vielen Trainings und sollen durchschnittliche Rahmenbedingungen abdecken. In Situationen mit viel Reibung sowie bei extremen Leicht- und Großgewichten kann es durchaus nötig sein, die Verhaltensweisen mit Deine*r Kletterpartner*in individuell zu erarbeiten. Climbe hilft dabei!

 

Wenn Du Dich mit Deine*r Sicherungspartner*in gewichtstechnisch irgendwo dazwischen befindest, schau nach links und nach rechts und probiere etwas dazwischen aus. Lerne aus Deinen Erfahrungen und perfektioniere dadurch Deine Sicherungskompetenz!

 

Verhältnis S : K

1 : 1,27 (55 kg : 70 kg)

Verhältnis S : K

1 : 1 (70 kg : 70 kg)

Verhältnis S : K

1 ,27 : 1 (70 kg : 55 kg)

Sturz ins Seil unter dem Haken:

Kaum freier Fall

Du spürst einen sanften Ruck nach oben.

 

Dein Körper hebt leicht ab.

 

Verhalten:

Neutral sichern.

Der Zug nach oben ist deutlich wahrnehmbar.

 

Dein Körper bleibt am Boden.

 

Verhalten:
Neutral sichern.

Der Zug nach oben ist kaum wahrnehmbar.

Dein Körper wirkt wie eine Betonwand:

 

Verhalten:

Aktiv sichern. Schritt zur Wand reicht aus.

Sturz ins Seil 0,5m über | 1m neben dem Haken:

1,1m freier Fall

Du spürst einen deutlichen Ruck nach oben, Du kannst bis zu 2m hochgezogen werden.

 

Verhalten:

1. ZS in der Halle wieder ausclippen. Bis zur 5. ZS passiv sichern. Ab der 5. ZS neutral sichern.

Du spürst einen sanften Ruck nach oben. 

 

Verhalten:

Bis zur 3. ZS passiv sichern. Zwischen 3. & 5. ZS neutral sichern. Ab der 5. ZS sanften Ruck zum aktiven abspringen nutzen.

Der Zug nach oben ist  wahrnehmbar.

 

Verhalten:

Bir zur 3. ZS neutral sichern. Ab der 3. ZS ansteigend aktiv sichern: Sensorhand / Mitspringen aus der tiefen Hocke.

Sturz ins Seil 1m über dem Haken:

2,1m freier Fall

Du spürst einen starken Ruck nach oben, Du kannst bis zu 5m hochgezogen werden.

 

Verhalten:

1. (eventuell 2.) ZS in der Halle wieder ausclippen. Immer passiv sichern. Nah an der Wand stehen. Reibungsclip / Vorschaltwiederstand (Ohm) reduziert die Kraft enorm.

Du spürst einen deutlichen Ruck nach oben, Du kannst bis zu 3m hochgezogen werden.

 

Verhalten:

1. (eventuell 2.) ZS in der Halle wieder ausclippen. Bis zur 6. ZS abnehmend passiv sichern. Ab der 6. ZS neutral sichern.

Der Zug nach oben ist  deutlich wahrnehmbar.

 

Verhalten:

Bir zur 5. ZS neutral sichern. Ab der 5. ZS aktiv sichern: Sensorhand / Mitspringen aus der Hocke.

Begriffsdimensionen

Puh, so viele Begriffe... was heißt denn Neutral sichern?! Was ist der Unterschied zwischen Ruck und Zug?! Wir wollen diese Begriffe und ihre Abstufungen im folgenden klären. Sie sind extrem climbisch und helfen uns, Beschreibungen zu finden, um dieses komplexe Thema zu verstehen.

 

Abkürzungen

Verhältnis S : K = Gewichtsverhältnis sichernde und kletternde Person

ZS - Zwischensicherung (Exe). In der Halle ist die 1. ZS meist auf ca. 3 m Höhe.

 

Kraftempfindung ansteigend

Zug ist kaum wahrnehmbar - ... - Zug ist deutlich wahrnehmbar - ... - sanfter Ruck - ... - starker Ruck

 

Aktivität

Passives Sichern bedeutet ein Entgegenarbeiten. Der Kraft nach oben Entgegenwirken. Sich schwerer machen. Wenn die Kraft sonst zu groß wäre und der Sturz zu weit.

Beim neutralen Sichern lässt man sich vom Zug mitreißen. Wenn die Kraftverhältnisse genau stimmen, um so weich wie möglich und so hart wie nötig zu sichern.

Aktives Sichern erfordert Arbeit! Würde man nichts tun, wirkt man als sichernde Person wie ein schwerer Stahlklotz. Der Sturz würde zu hart werden. Bremsweg schaffen durch die eigene Bewegung nach vorne und nach oben. Nicht durch Schappseil! ;)

Verkürzungsmaßnahmen in Bodennähe

In Bodennähe gelten grundsätzlich etwas andere Regeln! Denn solange der Boden nah ist, ist auch die Gefahr größer, bis dort hin zu fallen. Auch ein Zusammenprall zwischen Kletterer*in und Sicherungspartner*in ist hier größer. Deshalb werden wir uns diesem Thema in einem eigenen Blogartikel widmen.

Als allgemeine Faustregel kannst Du Dir merken: Das Halten des Sturzes geht der Dynamik stets vor!

 

Erfahrene Personen können auch in Bodennähe aktiv sichern, wenn sie während dem Sturz das Seil zunächst verkürzen (einziehen) und durch eine Bewegung in die Hocke Raum schaffen... Um dann im richtigen Moment nach oben aktiv mitzugehen! Natürlich ist aktiv nicht aktiv, hier kann eine kleine Fehleinschätzung schon fatale Folgen haben.... Niemand sagt, dass Du das nicht auch lernen kannst! Alles eine Frage der getroffenen Sicherheitsmaßnahmen und der Toleranz deines Partners ;).

Versuch und Irrtum?

Es gibt so viele Nuancen. So viele Ausnahmen. Manchmal kommen so viele außergewöhnliche Faktoren zusammen. Vor allem am Fels. Du hast jetzt eine Idee, in einem vereinfachten Raum. Jetzt geht es um die Erfahrung. Mit oder ohne Unterstützung. Du kannst selbst versuchen, wenn Du weißt, Dein Irrtum hat keine Folgen für Deinen geliebten Seilpartner. Wenn Du Dir unsicher bist, kannst Du Dich mit uns ausprobieren. Climbe bringt die nötige Sicherheit und die richtige Lernumgebung mit. 

 

Werde Meister*in Deiner Erfahrung!

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