· 

Du kletterst nie allein!


Maserne Griffe. Julius Kerscher hat sie an die Wand gezaubert. Bewertet mit einer 9+. Ich kenne die Züge der Route gut. Ich kenne die Schlüsselstellen. Ich weiß, wo sich gut rasten lässt. Und ich weiß, wo es gilt, dran zu bleiben. Dabei bin ich die Route selbst noch nicht geklettert… oder etwa doch? Máté und ich verbringen einen weiteren Vormittag beim Klettern. Wir haben beide ein Projekt. Ich eine 8/8+, Máté eine 9+. Und dennoch ist „sein“ Projekt auch ein bisschen „mein“ Projekt. Denn wenn Máté klettert, klettere ich mit. In meinem Kopf. Und noch viel wichtiger: In seinem Kopf. Denn er weiß, dass ich immer da bin. Mit meiner vollen Aufmerksamkeit bei seinen Zügen, bei seinen Bewegungen, bei „seiner“ Route.

 

 

Was bedeutet es, nicht „nur“ zu sichern, sondern bei seinem Partner wirklich dabei zu sein? Für uns beide beginnt die Route beim Partnercheck. Die erste und wichtigste Voraussetzung dafür, entspannt klettern zu können. Wir besprechen die Schlüsselstellen. Wo gibt es schwierige Klipp-Positionen? Welches sind die kritischen Züge? Noch einmal tief durchatmen, ein letzter Blickkontakt. Mátés Blick sagt: Ok, ich klettere. Mein Blick sagt: Ok, ich bin da!

 

 

 

Dann heißt es: Zug um Zug. Máté klettert, ich bin dabei. Bei den unteren Exen gebe ich nur das nötigste Seil. Máté ist deutlich schwerer als ich. Aber wir sind erfahren zusammen und entscheiden uns bewusst gegen Hilfsmittel. Auch in Bodennähe. Wir wissen, wie wir uns verhalten müssen und haben das gemeinsam geübt. Deshalb weiß ich: Wenn Máté zum Seil greift und clippen möchte, muss ich besonders schnell reagieren. Denn wenn ich ihn in Bodennähe sichere erlaubt unsere Seilschaft kein Schlappseil im System. Noch ein Zug und ich weiß: er wird von links nach rechts neben die Hakenlinie klettern. Ich wechsle zügig auf die linke Seite und bin dann sofort wieder bereit, ihm Seil schnell zu geben. Der Griff zum clippen ist „räudig“ – und mir wird bewusst: ich bin so sehr bei Mátés Route, dass ich sogar mit seinem Vokabular denke😉.  

 

Puh, geschafft! Weiter geht’s mit ein paar stabilen Zügen. Endlich die ersehnte Rastposition. Auch für mich ist das eine kleine Verschnaufpause. Mein Blick bleibt bei Máté. Sobald er weiterklettert, bin ich dabei. Solange er Pause macht, signalisiere ich: Lass Dir Zeit!

 

 

Die Züge werden jetzt zäh, jeder einzelne zieht Kraft. Ich rufe ein kleines „Auf geht’s, dranbleiben!“ nach oben. Nicht nur, um Máté zu motivieren. Auch, um zu zeigen, dass ich weiß, dass er nun jederzeit stürzen kann. Um zu zeigen, dass ich bereit bin. Jederzeit.

 

 

Und da kommt der Sturz. Ziemlich weit hoch haben „wir“ die Route geschafft. Ich fühle es mit, das Gefühl, so weit gekommen zu sein und dann doch noch zu stürzen. Auch ich wäre sie gerne bis ganz oben geklettert. Klar: Máté ist geklettert. Aber wirklich allein? Klettern ist nun mal ein Sport, den man nicht allein machen kann. Klettern ist Teamwork. Und je mehr mein Partner bei mir ist, die einzelnen Züge mitdenkt, mitfühlt und mitklettert, desto mehr kann ich am Limit klettern. Desto eher kann ich meine Grenzen überschreiten. Desto mehr fühle ich mich getragen und unterstützt.

 

 

Genau das ist es, was unserer Meinung nach eine perfekte Seilschaft ausmacht, was Vertrauen schafft und was das Klettern nicht nur zu einem sportlichen Erlebnis, sondern vor allem auch zu einer besonderen zwischenmenschlichen Erfahrung macht. Jetzt ist Máté dran. Mit „meinem“ Projekt, der 8/8+. Ich klettere, er klettert mit…

Kommentar schreiben

Kommentare: 0