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Schwer sichert leicht - Sichern mit Tube & Grigri


Mit diesem Experiment wollen wir testen:

 

1. Wie weich kann eine schwere Person eine leichte Person tatsächlich körperdynamisch sichern?

2. Ist das körperdynamische Sichern genauso weich wie das gerätedynamische Sichern?

3. Wie viel härter ist ein harter Sturz? Und wie deutlich ist das in den Messungen zu sehen?

4. Außerdem wollten wir für unsere weiteren Messungen herausfinden, ob man mit dem Handy eine genauere Messung der Beschleunigung erfolgen als mit unserer Smartwatch.

 

 

Wir führen die Messungen an der 6. Zwischensicherung in der Halle durch. 

Leni (50kg) klettert mit ihrem Knoten ca. 80 cm über den Haken.

Máté (75kg) sichert mit erstem geclippten Haken.

 

Das Bewegungsseil für die Sensorhanddynamik beträgt ca. 50 cm.

Das Seil (ca. 10mm) ist "eingeklettert" und "eingestürzt".

 

Bei der Auswertung wurde darauf geachtet, dass der freie Fall auf der Zeitachse jeweils ca. zum selbigen Zeitpunk beginnt. Die Abweichung hier beträgt maximal 0,05 Sekunden.

Gerätedynamisches Sichern mit dem Tube

Zunächst messen wir Stürze, bei denen Leni gerätedynamisch gesichert wird. Die erste Messreihe erfolgt also mit einem Tube, wobei die Bremsrillen nach unten zeigen.

Máté hat wenig Sicherungspraktik mit dem Tube, deshalb wird ein Knoten hinter der Bremshand geknüpft.

Es wurden 3 Messungen durchgeführt, wobei auf gleiches Sicherungsverhalten geachtet wurde.

Aufgrund der fehlenden Sicherungspraktik ergibt sich eine relativ große Diskrepanz in den einzelnen Sturzverläufen. Wir haben ja bereits bei vorherigen Messungen gesehen, dass viel Sicherungserfahrung auch die Diskrepanz verkleinern kann. 

 

Der Fangstoß (maximale Bremsbeschleunigung) beträgt im Mittel ca. 31,45 m/s² ~ 3 ,1 g

Zwischen dem Moment des Loslassens und des Fangstoßes vergehen ca. 0,71 Sekunden.

 

Die Auswertungstabelle findest Du weiter unten.

Körperdynamik - weich

Die zweite Messreihe erfolgt mit Körperdynamik und Grigri.

Máté hat viel Sicherungspraktik mit dem Grigri, vor allem im Sichern von leichteren Personen. Seine Technik ist eine Mischung aus Sensorhand- und der Kniebeugemethode.

Es wurden 4 Messungen durchgeführt, wobei auf gleiches Sicherungsverhalten geachtet wurde.

 

Es fällt auf, dass jeweils 2 Messungen (1&2 /3&4) sehr ähnliche Kurven liefern. Das Spricht einerseits für ein hohes Reproduktionsvermögen auf Grund von Praxiserfahrung. Gleichzeitig dafür, wie sehr kleine Änderungen im Sicherungsverhalten die Kurven beeinflussen können. 

 

Annahme:
Bei den ersten 2 Stürzen springt Leni etwas stärker von der Wand ab, das erhöht ihre Pendelbewegung nach dem Sturz ins Seil. Leni wird höher geschleudert und erfährt einen stärkeren Bungeeeffekt. Sie ist "schwereloser" (tieferes Tal nach dem Fangstoß) und gleichzeitig bewegt sie sich in einem größeren Bogen, der dementsprechend härter abgefangen wird.

 

Der Fangstoß (maximale Bremsbeschleunigung) beträgt im Mittel ca. 28,84 m/s² ~ 2,8 g

Zwischen dem Moment des Loslassens und des Fangstoßes vergehen ca. 0,81 Sekunden.

 

Die Auswertungstabelle findest Du weiter unten.

Hart gesichert

Die dritte Messreihe erfolgt ebenfalls mit einem Grigri.

Máté bleibt in diesem Fall bewusst einfach nur stehen, ohne sich aktiv (Mitgehen) oder passiv (Gegenhalten) zu verhalten. Wir wollten einen Vergleich für die beiden Messreihen erhalten, in welchen Máté Leni weich gesichert hat.

Es wurden 3 Messungen durchgeführt, wobei auf gleiches Sicherungsverhalten geachtet wurde.

Diese Sturzsituation hat ein gutes Reproduktionsvermögen, die Kurven überlappen sich beinahe. Der Bounceeffekt ist quasi gleich, die Fangstoßwerte haben eine Diskrepanz von weniger als 20%. Hierfür hat vermutlich die ausgegebene Seilmenge eine Rolle gespielt. Jeder Centimeter trägt zu zusätzlicher Sturzweite bei und diese vergrößert zwangsläufig den Fangstoß.  Zumindest ohne Zutun der sichernden Person....

 

Der Fangstoß (maximale Bremsbeschleunigung) beträgt im Mittel ca. 44,34 m/s² ~ 4,4 g

Zwischen dem Moment des Loslassens und des Fangstoßes vergehen ca. 0,80 Sekunden.

 

Die Auswertungstabelle findest Du weiter unten.

In der Kompetenz liegt die Würze

Unsere Versuchsreihe zeigt eindeutig: Ein erfahrener Sicherer kann körperdynamisch (mit Grigri) genauso weich sichern wie ein mäßigerfahrener Tubesicherer.

Máté schafft wegen seiner Praxiserfahrung sogar ein etwas weicheres Sichern mit dem Grigri. Er könnte mal wieder mehr Tubesichern üben... ;) Zumindest ist sein Sicherungsverhalten automatisierter, sodass Leni meistens mit einem ähnlichen Weichheitsgefühl rechnen kann.

 

Natürlich kann ein erfahrener Tubesicherer vermutlich noch weicher in der obige Situation sichern. Auch ein neues Seil würde wegen der anfänglich großen Dehnung und des (fast zu guten) Durchlaufs einen kleineren Fangstoßwert liefern.

 

Unser FAZIT:

Wenn Du bedenken hast, vom Tube auf das Grigri umzusteigen, kann Dich diese Messreihe ermutigen! Ja, wenn Du genug übst und Dich vernünftig ausbilden lässt, kannst Du vom Sicherheitspuffer UND vom "Weichmachereffekt" des Grigri (und auch von anderen Halbautomaten) profitieren!

Ganz schön hart...

Ein harter Sturz in unserem Szenario zieht im Mittel einen knapp 50% höheren Fangstoßwert mit sich. Das ist vor allem dann unangenehm, wenn das Gelände ungünstig verläuft und die kletternde Person in die Wand knallt. Denn der Fangstoß steht im direkten Zusammenhang mit der Pendelgeschwindigkeit. Und diese Pendelgeschwindigkeit erhöht das Karacho in die Wand hinein....Bergundsteigen hat das vor kurzem erst gezeigt.

 

Unser FAZIT:

Wir wollen uns für ein wertschätzendes Miteinander in der Seilschaft einsetzen. Dazu gehört die Haltung, mit allen möglichen Mitteln für einen verletzungsfreien Sturz in das Seil zu sorgen. Also WEICH zu sichern. Mit oder ohne Halbautomaten! Wir würden gerne weniger Geschichten, wie diese Beobachten.

Erkenntnisse

Ein harter Sturz ins Seil ist länger hart

Wir sehen der pinken Kurve an (hartes Sichern mit Grigri), dass sie schneller zur Spitze ansteigt und steiler abflacht. Gleichzeitig fängt der Abbau der Sturzenergie etwas später an, bedingt durch den längeren freien Fall. Bei einem harten Sturz ins Seil wird also die Energie in den oberen Kraftspitzen abgebaut. Somit gibt es kein sanftes Abbremsen, sondern ein langes und abruptes Abbremsen. 

 

Bounceffekt

Nach einer harten Landung und einer entsprechen starken Seildehnung muss sich das Seil irgendwann wieder entspannen, wie bei einem Bungeeseil. Somit, wird die kletternde Person höher katapultiert als bei einer sanften Landung, bei der die Energie nicht nur vom Seil aufgenommen wird, sondern auch durch Reibung im Tube oder der Nachobenbewegung der sichernden Person. Das zeigt sich in der Tiefe des Tals nach dem Fangstoß, wenn sich die kletternde Person wieder einer Schwerelosigkeit, wie beim freien Fall, annähert. Auf diese Schwerelosigkeit folgt wieder ein Abbremsen, die zweite Spitze in der Kurve.

Verstärkt wird der Effekt durch die Pendelbewegung, der verstärkt auf einen härteren Sturz folgt, wie oben beschrieben.

 

Fazit

Auch wenn hier die Versuchsreihe nur wenige situative Einzelmessungen aufweist, können wir ihr einige Erkenntnisse abgewinnen. Vieles ist schon aus anderen Experimenten bekannt, gleichzeitig ermöglicht dieser einfache Messaufbau einige Erkenntnisse in der Zukunft, die zu einem noch optimaleren Sicherungsverhalten beitragen können.

Handy oder Smartwatch?

Ein einfaches Handy mit der App phyphox kann die Beschleunigungswerte in allen 3 Ebenen auslesen und gleichzeitig den Betrag errechnen. Das von uns genutze Handy hat eine doppelte Auflösung bei den Messungen (200Hz). Der freie Fall wird beinahe nahtlos und fehlerfrei gemessen, das war mit der Smartwatch nicht möglich.

Ja, das Handy und die App sind einfache Tools, die bis zu einem gewissen Grad, signifikante Erkenntnisse liefern können. 

 

Optimal wäre natürlich ein Kraftmessgerät, direkt zwischen Gurt und Anseilknoten, wir haben bereits angefangen dafür zu sparen ;).

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