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Vertrauen in Seilschaften - Teil 1: am Boden


Klettern am Seil ist Teamwork. Reduzieren wir das Klettern auf die kletternde oder die sichernde Person als Einzelne, würden wir wichtige Aspekte des Kletterns ignorieren. Gedankliche Blockaden behindern das Klettern am Limit . Missverständnisse in der Seilschaft führen zu Frust.

 

Wir wollen ein WIR Gefühl fördern. Wir glauben, dass durch Vertrauen und Kommunikation in der Seilschaft das Klettern zu einer (noch) schöneren Erfahrung wird. 

 

Doch wie baue ich es auf, das Vertrauen? In einer 4-teiligen Blogserie zum Thema "Vertrauen in der Seilschaft" beleuchten wir das Thema auf der menschlichen Ebene. Wir sprechen Unausgesprochenes an. Wir unterstützen euch mit konkreten Strategien , ein richtig starkes Team zu werden!

Grundvoraussetzung für Vertrauen

Jede*r will Vertrauen, jede*r will, dass man ihm|ihr vertraut. Niemand mag unausgesprochene Spannungsfelder, wir alle sind empfindlich (mal mehr und mal weniger) für destruktive zwischenmenschliche Schwingungen:

 

"Der hat sich meinen Knoten schon wieder nicht angeschaut... ach egal.. oder auch nicht? Nimmt er das ganze überhaupt ernst?!....ach ich kletter jetzt einfach mal los..."

 

Für Das Vertrauen in der Seilschaft sind solche Gedanken Gift. Doch wir können diesen entgegenwirken! Durch offene Kommunikation. Und durch 3 Grundvoraussetzungen, die erfüllt sein sollten: 

 

1. Empathie:
Durch aktives Zuhören und Fragen schaffst Du den ersten großen Schritt zu Deinem Kletterpartner. So gibst Du ihm als sichernde Person das Gefühl, dass Dir sein Wohlbefinden am scharfen Ende des Seiles wichtig ist. Als Kletterer*in ist es wichtig, alle Deine Bedenken, Ängste, Wünsche und Strategien bezüglich des Kletterns zu teilen.

2. Sicherungskompetenz:
Als sichernde Person beweist Du in jeder Situation, dass Du Dich mit der Materie auskennstt (vorausgesetzt, Du tust es auch). Als Kletterer*in darfst Du Dich ruhig nach der Sicherungskompetenz Deines Kletterpartners erkundigen. Falls Du Unwissenheit wahrnimmst: Begegne dieser mit Geduld und Aufklärung.

3. Rückmeldekultur:

Du bekommst Feedback zu Deinem Sicherungsverhalten? Dann sei offen für konstruktive Rückmeldung - auch wenn das vielleicht an Deinem Know-how-Ego kratzt. Wir lernen unser Leben lang ;). Auch als Kletterer*in solltest Du konstruktive Rückmeldungen geben, die auf Deine Beobachtung und Gefühle basieren und gleichzeitig Deinen Sicherungspartner nicht verurteilen.

4 bodenständige Handlungsempfehlungenen

Wie könnt ihr nun die oben genannten Grundvoraussetzungen für Vertrauen in der Seilschaft konkret erfüllen? Im ersten Teil unsere Serie zum Vertrauen werfen wir einen Blick auf die Situation vor dem Klettern, also am Boden. Und schlagen euch 4 konkrete Handlungen vor:

 

1. Partnercheck: Fordert den Partnercheck von euch gegenseitig ein. Und zwar IMMER. Benutzt 4 Augen und 4 Hände und nehmt euch Zeit. Ein kurzer Blick kann nicht alle Fehler identifizieren und zeigt eurem Gegenüber nicht, dass ihr euch der Ernsthaftigkeit der Sache bewusst seid. Redet über Gewichtsunterschiede und geht nochmal das Verhalten der sichernden Person situativ im Gespräch durch.

 2. Gerätecheck: Zusätzlich zum Partnercheck kannst Du als Sicherer*in dem Kletterer erklären wie Dein Sicherungsgerät funktioniert. Überzeuge von Deiner Kompetenz, indem Du auf die richtige Handhabung und eventuelle Fehlbedienung eingehst. Sei offen für Gegenfragen!

 

3. Austausch: Teile konkret dem Sichernden mit, was Du Dir von einem Sicherungspartner wünschst. Z.B.: "Mir ist wichtig zu sehen, dass Dein Blick immer zu mir nach oben geht und Du höchstens einen Schritt von der Wand entfernt stehst." Auch bekannte Sorgen, Traumata oder Ängste schaffen eine Verbindung. Z.B.: "Bis zum 5. Haken bin ich mir beim klippen unsicher, denn ich bin mal am 4. Haken ziemlich weit gestürzt und habe mich verletzt." Mit Gegenfragen oder konkreten Handlungsvorschlägen kannst Du als Sichernder nun auf das genannte eingehen, beispiesweise: "Alles klar, dann werde ich Dich bis zum 5. Haken ohne jegliche Seilmenge sichern und immer nur nach Bedarf zum Klippen ausgeben. Okey?"

4. Kommandocheck: Normalerweise kennt man "Zu" und "Ab". Trotzdem ist man manchmal von verschiedenen Sicherungspartnern andere Kommandos gewünscht. Klärt das ab! Nonverbale Kommandos von oben, wenn dem Sichernden nicht bekannt, können ebenfalls schnell zu Missverständnissen führen. Beim Projektieren kommen eventuell auch neue Kommandos, wie "locker", "klettern", "15cm ab" usw, dazu. Reden hilft!

Bodenlose Handlungsempfehlungen

Endlich losklettern? In den folgenden Blogartikeln dieser Serie schlagen wir euch Strategien für weitere Situationen vor: beim Falltraining, beim Klettern und bei einem Sturz ins Seil.

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Kommentare: 2
  • #1

    Lumiha (Samstag, 18 Juli 2020 13:51)

    Ihr trefft einen guten Ton und die Handlungsempfehlungen sind schlüssig und wertschätzend. Vielleicht habt Ihr noch einen Trick wie man sich zuverlässig daran erinnert. Vielleicht sowas wie eine Eselsbrücke?

  • #2

    Máté (Sonntag, 19 Juli 2020)

    Dank Lutz für Deine Worte! Das ist ein wichtiger Knackpunkt, die Umsetzung. Eine konkrete Handlungsempfehlung, wie hier gegebene, erhöht die Wahrscheinlichkeit der Ausführung, da konkret....:) Was kann man noch tun? Da ist wohl jede*r Individuell, denn wir merken uns Dinge unterschiedlich. Man kann Handlungen ritualisieren z.B., dann werden sie wichtiger Bestandteil des "Vor-dem-Losklettern"s. Grundsätzlich wird etwas umso normaler und fester Bestandteil unseres Alltags, umso besser integriert und regelmäßiger ausgeführt. Kannst Du damit was anfangen?