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Weich Stürzen – Wie aus Tatsachen eine Ansichtssache werden kann


Wir haben kürzlich in verschiedenen Facebook-Gruppen eine Diskussion ausgelöst. Es ging um einen Post zum Thema weich sichern. Es war eine sehr wertschätzende Diskussion (was ja leider auf Facebook nicht immer der Fall ist). Wertschätzend nicht zuletzt deshalb, weil uns viele Kletter*innen Einblick in ihre Gefühlswelt gegeben haben. Einige haben von traumatischen Erlebnissen bei Stürzen berichtet. Ihre Erlebnisse und die Gefühlswelt haben zu etwas geführt, was wir erst verstehen mussten. In unserer Welt verstehen wir das weiche Sichern als eine Selbstverständlichkeit. Denn wir wollen unseren geliebten Sport möglichst verletzungsfrei ausüben. Und es ist eben eine Tatsache, dass weiches Sichern für den Kletterer oder die Kletterin ein geringeres Verletzungsrisiko mit sich bringt (in den meisten Fällen beim Sportklettern...). Doch weiches Sichern kann schnell zur Ansichtssache werden. Nämlich dann, wenn mentale Blockaden aus früheren Traumata uns in unseren Gedanken nicht frei sein lassen.

 

 

Was also tun, wenn wir uns der Tatsache bewusst sind, dass weiches Sichern weniger Verletzungsrisiko mit sich bringt? Wenn aber unsere ganz persönliche Ansichtssache dazu führt, dass wir uns nicht trauen, weich zu stürzen? 

Die Berechtigung der Weichheit

Darüber haben wir schon viel geschrieben. Hier. Oder hier. Die Erfahrung und mittlerweile gewisse wissenschaftlich faktische Ansätze zeigen ganz klar:

 

1. Wer hart fällt, neigt eher dazu, nicht mehr fallen zu wollen. Denn der kurze Schockmoment des plötzlichen Abbremsens löst gewisse Verbindungen im Gehirn aus (Theorie, die es noch zu verifizieren gibt, Erfahrung und Gespräche mit Kunden dienen vorerst als Grundlage für diese Behauptung), die einen evolutionären Schutzmechanismus auslösen.

 

 

2. Wer hart fällt, geht ein größeres Risiko ein, sich durch den Anprall zu verletzen. Durch den verstärkten Pendeleffekt ist die Einschlaggeschwindigkeit höher, als bei einem weichen Sturz in das Seil. Lese mehr hier.

Weich stürzen beim klettern
Ein weicher Sturz kann sich so schön anfühlen - sind wir jedoch von schlechten Erfahrungen traumatisiert, fühlt sich jeder Zentimeter nach zu viel an.

Die Berechtigung der Härte

Nun, die andere Seite der Münze darf auch gehört werden. Es gibt Umstände, die das weiche Sichern nicht wirklich zulassen.

 

1. Wenn das weiche Sichern zu einer schwerwiegenden Verletzung führen würde. Bodensturz, Geländeformbedingte Verletzungen.... Möchte der Kletterer den 3. Haken in der Halle überstreckt klippen und dabei kommt es zum Sturz, ist ein hartes sichern fast zwingend erforderlich, um einen Bodensturz oder eine Kollision mit der sichernden Person zu vermeiden.

 

 

2. Ein traumatisches Erlebnis löst einen Selbstschutzmechanismus aus. Jeder Meter Fall triggert das traumatische Erlebnis. Ein weicher Sturz mit längerem Bremsweg löst hier wieder mehr negatives aus, der Anprall wird eher in Kauf genommen.

Der innere Konflikt

Puh, sieht nach einem Konflikt aus.... Einerseits ist weich Stürzen förderlich für die Sportkletterin, denn sie möchte ja frei im Kopf und verletzungsfrei klettern können (in den meisten Fällen wird das durch einen weichen Sturz begünstigt). Andererseits hat sie vielleicht ein traumatisches Sturzerlebnis erfahren, oder möchte eben auch in ungünstigen Situationen, wie z.B. in Bodennähe, sich sicher fühlen können.

 

Fazit: Weiche Stürze und ihre meist positiven Konsequenzen beim Sportklettern sind Tatsache. Durch eine negative Erfahrung kann die Notwendigkeit eines weichen Sturzes zur Ansichtssache werden.

 

Nachhaltige Ziele erfordern nachhaltige Lösungen

Was kann die Lösung für dieses Konflikt sein? Kann es überhaupt eine Lösung geben? Gibt es gar nicht DIE Lösung?....

 

Am Anfang kann folgende Frage stehen: Was für ein Kletterer möchte ich denn sein? Was treibt mich beim klettern an? Möchte ich im traditionellen und alpinen Sinne klettern gehen? Möchte ich eine starke Boulderin werden? Möchte ich an meinem Limit mit einem hohen Sicherheitsfaktor vorsteigen? Möchte ich lediglich die Bewegung in langen Routen genießen und gar keinen Gedanken an einen Sturz verwenden?

 

Das ist schwierig.... Schicke Fotos in Magazinen, Austausch in der Community, Coolness des Vorstiegs, Erwartungen, fremde Blicke, Gerede über Routen und Grade....

 

Wenn du langfristig ein zufriedener Kletterer sein möchtest, also in diesem Sinne nachhaltig klettern möchtest, kannst du damit anfangen, rauszufinden was für ein Kletterer du sein möchtest!

 

...Und: stehe dazu ;)!

 

Du entscheidest dich dafür, eine Kletterin zu sein, die ihre unangenehme traumatische Sturzerfahrung überwinden möchte. Weil diese Erfahrung blockiert, weil diese Erfahrung den ansonsten so schönen Sport zu einem einzigen Leiden macht. Weil die Angst frustriert... 

 

Grundsätzlich möchte ich dir unser climBisches Mindest mitgeben, darüber kannst du hier einiges lesen.

 

Weiter kannst du es mit folgendem Ansatz probieren.

 

Beschreibe zunächst den IST-Zustand:

 

"Ich habe Angst, mich wieder zu verletzen. Ich bin weit gefallen und habe dabei......."

 

Deine IST-Strategie, um dich selbst vor einer ähnlichen Erfahrung zu schützen:

"Ich klettere grundsätzlich nur dann über den Haken, wenn ich es mir 100% zutraue. Ich möchte im Falle eines Sturzes maximal eng gesichert werden, damit ich nicht wieder so weit falle......."

 

Überprüfe, ob deine Strategie zu deinem Ziel passt:

- "Ich möchte immer hart gesichert werden. Mein Ziel ist es, meine negative Sturzerfahrung zu überwinden. Falle ich allerdings hart, werde ich noch weniger Bock haben zu fallen (siehe oben)."

- "Ich klettere nicht über den Haken, wenn ich mir unsicher bin, wie es weitergeht. Mein Ziel ist es, nicht mehr so viel beim Klettern zu leiden. Wenn ich aber mich nicht traue, über den Haken zu klettern, bin ich frustriert und das Klettern ist ein Leid für mich."

 

Diese IST-Strategien sind nicht wirklich nachhaltig, im Sinne von förderlich für dein Ziel, gell......

 

Eine Nachhaltige Strategie finden:

Dazu gehört immer: den längeren und steinigen Weg in Kauf zu nehmen, also zu ARBEITEN. Warum? Na, um dein Ziel zu erreichen! Hierfür gibt es ein paar platte Sprüche ;)... Ohne Fleiß....., Das Leben ist kein.... usw. Die sind nicht unbedingt motivierend formuliert, möchten lediglich eines bewirken: Dass du den ersten Schritt Richtung Ziel gehst!

 

Nun, dir hier Strategien aufzuzählen, würde den Rahmen für den vermutlich gesamten Blog sprengen. Kommt auch auf deine persönliche Geschichte an. 

Hier beschreibe ich meinen Prozess, vielleicht können dich ein paar Zeilen daraus inspirieren.

 

Weiche Stürze sind nachhaltig und zielführend für deine körperliche Gesundheit und deine mentale Stabilität. 

Um auch bodennah geschützt zu sein, lautet unsere Devise:

 

So weich wie möglich, so hart wie nötig. Lernen kannst du das auch bei uns!

 

 

Wenn du nicht weich und damit auch etwas weiter fallen kannst, weil dich dein Erlebtes blockiert, solltest du zunächst an diese Blockade herantreten. Dabei unterstützen wir dich auch!

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